b1-cover

Die Sache mit dem Verstehen- und Schlausein-wollen

Sie war eine ganz normale 4-jährige: verspielt, weich, offen, neugierig, ohne Zeitgefühl, ohne Plan, im Hier und Jetzt versunken in ihren Welten, verbunden mit der Natur und sich selbst. Es war wundervoll, das Leben und die Umgebung so mit all ihren Sinnen aufzunehmen. All das genoss sie sehr, und doch beschäftigte sie hin und wieder die Frage, wie diese Welt der Erwachsenen eigentlich funktionierte. Sie war so voller Fragen über Gott und die Welt und wollte alles wissen und verstehen. Ihr älterer Bruder musste sich mit ihren vielen „Warums“ herumschlagen, doch oft genug blieben ihre Fragen unbeantwortet, denn auch er wusste keine Antwort darauf.

b2-3661366

So begann sie selbst zu forschen. Sie beobachtete, analysierte und versuchte Zusammenhänge zu ergründen, um sich ein stimmiges Weltbild zu erschaffen. Vieles blieb aber unstimmig und rätselhaft.

Sie galt als schwieriges Kind. Sie aß schlecht. Sie wollte nicht ins Bett. Und viel häufiger als ihre Geschwister war sie krank und lag mit Hals- und Ohrenschmerzen oder sonstigen Krankheiten im Bett. Ihre Mutter beschwerte sich oft darüber, wie viel Arbeit sie mit ihr hatte. In ihrer Ungeduld und Überforderung wurde sie oft geschimpfte und so manches Mal rutschte der Mutter auch die Hand aus.

Es war für sie immer wieder ein schwieriges Unterfangen, zwischen den Erwartungen der Mutter, dem eigenen Weltverständnis und den eigenen Bedürfnissen einen Weg zu finden. Doch irgendwie fand sie immer einen Schlupfwinkel, auch wenn sie manchmal etwas schummeln musste– aber als Kind durfte sie das!

Mit sieben kam sie endlich in die Schule. Es war für sie ein Befreiungsschlag, denn endlich wurde ihr erklärt, wie die Welt funktionierte. Da wusste jemand ganz offensichtlich Bescheid und konnte ihr in klaren Worten die Welt erklären. Jeden Tag kam sie begeistert von der Schule nach Hause und berichtete ihrer Mutter von all den Neuigkeiten, die sie gelernt hatte, und ihre Mutter freute sich mit ihr. Sie lernte Lesen, Schreiben und Rechnen und entdeckte auch ihre kreativen Talente. Insgesamt fühlt sich alles aufregend, spannend und bunt an. Und das fand sie ganz wunderbar!

b3-159823

Dann geschah etwas Seltsames. Plötzlich fiel sie mit ihren guten Noten auf! Zum ersten Mal bekam sie auf eine Weise Anerkennung von ihrer Mutter, die seltsam war. Ihre Mutter hob sie auf einen Sockel und strotze nur so vor Stolz als sei ihre Leistung der Mutter zu verdanken – allein aufgrund der Tatsache, dass sie die Mutter war. Ihr Vater war ein stiller, hart arbeitender Mann, der nichts dazu sagte. Ihre Schwestern begannen sie anzufeinden. Ihr älterer Bruder hielt zu ihr, allerdings oft nur aus der Ferne.

Etwas in ihr war jedoch verwirrt darüber, für etwas bewundert zu werden, was für sie selbstverständlich war. Etwas in ihr verstand nicht, warum sie plötzlich besser sein sollte und anders behandelt wurde. War sie denn nicht mehr dieselbe wie vorher?

Sie gewöhnte sich an dieses überzogene Lob. Irgendwann genoss sie es sogar so sehr, dass es für sie unglaublich wichtig wurde, diese Anerkennung weiterhin zu bekommen. Sie blieb wissbegierig, offen und neugierig. Und es verwunderte niemanden wirklich, dass sie auf´s Gymnasium kam.

Doch dort wurde alles anders. Sie war in einer fremden Stadt, an einer fremden Schule, mit vielen fremden Kindern und Lehrern. Alles war neu! Auch der Unterricht war anders, und der Schulstoff wurde anders vermittelt – nicht mehr so langsam, klar und einfach. Viele Fragen blieben im Unterricht unbeantwortet, und sie kam an vielen Stellen nicht mehr mit.

Sie bemerkte mit Grauen, dass sie so viel unterschiedliches Wissen nicht mehr so spielerisch und einfach aufnehmen konnte wie es in der Grundschule der Fall gewesen war. Es schlich sich immer wieder ein Gefühl von Überforderung ein, doch das durfte nicht sein. Sie wollte weiterhin der Stolz ihrer Mutter sein, doch dafür musste sie weiterhin gute Noten erbringen. Also begann sie zu lernen. Es ging nicht mehr darum, ob sie den Lernstoff interessant oder spannend fand. Es ging nur noch darum, die gewünschten Leistungen zu erbringen. Und dafür strengte sie sich sehr an. Zum Spielen blieb immer weniger Zeit, und auch die Freunde mussten warten.

b4-3769697

Den stillen Vater und die feindseligen Schwestern bemerkte sie nicht. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, ihren tagtäglichen Schulkampf zu bestehen – und das sollte viele, viele Jahre andauern.

Mit fünfzehn entschied sie sich bewusst gegen das materielle Leben ihrer Eltern. Sie sah keinen Sinn darin, sich wie sie tagtäglich abzumühen und abzukämpfen, um einen gewissen materiellen Wohlstand aufzubauen. Sie konnte darin weder ein Glücksgefühl finden noch einen Lebenssinn sehen. Stattdessen wollte wie ihr Leben der Suche nach dem wahren Glück widmen.

Nach dem Abitur folgte das Studium. Und wie in der Schule lernte sie auch hier fleißig weiter und versuchte weiterhin überall gute Noten zu bekommen, was ihr sehr leicht gelang.

Sie hielt sich für schlau, da sie ja so viel gelernt und so viele Prüfungen bestanden hatte. Dennoch nahm sie von Zeit zu Zeit eine latente zweifelnde Stimme in sich wahr. Sie flüsterte ihr ein, dass sie doch von vielen Lebensbereichen bzw. vom Leben selbst keine Ahnung hatte. Sie schob die Stimme zur Seite und versuchte sie zu ignorieren. Dennoch fühlte sie sich über viele Jahrzehnte wie eine wandelnde Mogelpackung, die auf keinen Fall auffliegen durfte. Denn was wäre dann noch von ihr übrig: NICHTS – und das wäre fatal für ihr Ich und durfte auf keinen Fall passieren!

Nach dem Studium mit Mitte zwanzig hatte sie ihre erste große Krise. Ihre langjährige Beziehung ging in die Brüche. Diese Trennung schlug bei ihr ein wie eine Bombe! Sie nahm ihr ihre ganze innere Sicherheit, zog ihr den Boden unter den Füßen weg und nahm ihr alle Zukunftsperspektiven, die sie bis dahin hatte. Der Schmerz war überwältigend. Es schien, als ob ihr ihr Herz herausgerissen worden sei. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie stand vor einem riesigen Scherbenhaufen, auf dem kein Stein mehr auf dem anderen stand. All ihre Wissen und Können half ihr nicht weiter. Es schien nichts wert zu sein. Sie wurde von ihren eigenen negativen Emotionen überwältigt und konnte nichts dagegen tun.

b5-49 18391

Keiner wusste Rat. Keiner konnte ihr helfen. Ihre Mutter schaute betroffen weg. Ihre Schwestern schauten schadenfreudig hin. Ihr Vater blieb teilnahmslos stumm. Ihr Bruder blieben hilflos stumm.

Sie kam nicht auf die Idee, sich psychologische Hilfe zu holen. So etwas kam in ihrer Familie und in ihrem inneren Repertoir nicht vor. Gefühle hatte man im Griff zu haben – etwas Anderes kam nicht in Frage.

Sie lenkte sich ab so gut es ging und hoffte, dass die Zeit ihre Wunden heilen würde. Geduldig wartete sie, dass diese Zeit verging. Doch sie verging nur sehr, sehr schleppend. Und der Schmerz ging entsprechend auch nur sehr, sehr langsam

Doch irgendwann – es waren wohl zwei drei Jahre - war es soweit: der Schmerz wich einer neuen Ruhe und einer neuen Klarheit, die ihr erlaubten, auf das Geschehene zurückzuschauen und es reflektiert zu betrachten.

Üblicherweise zog sie sich für diese Innenschau in den Wald zurück. Dort spazierte und schweifte sie stundenlang mit ihren Fragen umher und übergab alles vertrauensvoll der Natur. Der Wald - die Bäume, die Felder und Wiesen, die Tiere, die hier und da hervorlugten - sie alle wurden zu ihren Gesprächspartnern, die ihr geduldig zuhörten. Und jedes Mal aufs Neue war sie erstaunt über die klare, weise Antwort, die sie aus der Natur erhielt.

b6-675949

Es wurde ihr klar, dass sie in eine emotionale Abhängigkeit gerutscht war, in der sie ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche immer mehr hinten angestellt hatte, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Stattdessen hatte sie die Bedürfnisse und Wünsche ihres Partner in den Vordergrund gestellt. Obwohl sie in der Beziehung schon lange nicht mehr glücklich war, war es ihr wichtig, die Beziehung um jeden Preis zu halten. Und sie war dafür bereit gewesen, sich selbst dafür abzuwerten und zu verleugnen.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass ihre eigene Haltung diesen bösen, schmerzhaften Scherbenhaufen mit verursacht hatte. Sie hatte durch ihre extreme Anpassung die Beziehung mit in eine Schräglage gebracht. Ihr wurde klar, dass sie durch diese Erkenntnis eine wichtige Lektion gelernt hatte, und sie wusste, dass ihr das in der nächsten Beziehung nicht wieder passieren würde.

Das entmutigendes Gefühl des Scheiterns wich einem tiefen Verstehen, das ihr die Zuversicht und den Mut gab, ihr Leben erneut in die Hand zu nehmen und sich wieder auf das Leben einzulassen.

So ließ sie all das Alte hinter sich, zog in eine neue Stadt, suchte sich eine neue Stelle, fand eine kleine Wohnung und begann ein neues Leben. Hier war es leicht, sich wieder dem Leben zu öffnen. Nichts erinnerte sie an den alten Schmerz. Niemand wusste davon und würde sie darauf ansprechen. Sie verspürte wieder die Freude und die Neugier aus ihrer Kindheit und öffnete ihr Herz dem Leben, das vor ihr stand.

In der neuen Arbeitsstelle fand sie schnell neue Freunde und bemerkte, dass es ganz andere Menschen waren als die, die sie bisher kannte. Menschen, die sich mehr Gedanken machten über das Leben – genau wie sie. Menschen, die verstehen wollten, die Sinn und Tiefe suchten – genau wie sie. Und auf einmal kam die erhoffte neue Liebe in ihr Leben, ließ sie wachsen und tatsächlich einen bewussteren emotionalen Umgang lernen – genauso wie sie es gehofft und sich gewünscht hatte.

b7-6567607

Mit Ende zwanzig fing sie an bewusst das zu lernen, was sie wirklich interessierte. Es war ein anderes Wissen, das sie sich aneignete. Es war ein ursprünglicheres, ein tieferes, ein grundsätzlicheres Wissen – unabhängiger von unserer modernen Zeit. Über zehn Jahre folgte eine Ausbildung der nächsten: Energiearbeit, traditionelles und schulmedizinisches Wissen, geistig-schamanisches Wissen, indianisches Wissen.

b8-2447040

Sie lernte verschiedene spirituelle Kreise kennen mit ihren Umgangsformen und ihren inneren Haltungen.

Und obwohl sie so viel Neues und Spannendes lernte, konnte sie sich nirgends richtig einlassen. Etwas Rastloses in ihr ließ sie immer weiterziehen - wie eine ständig Reisende, die von Ort zu Ort ziehen muss und die viel zu kurz an einem Ort verweilt, als dass sie Wurzeln schlagen und wirklich ankommen könnte.

Die neue Liebe, die so hoffnungsvoll begonnen hatte, endete ähnlich wie die erste Liebe: sehr abrupt und enttäuschend nach derselben Zeit von sechs/sieben Jahren.

Es riss ihr zwar nicht den Boden unter den Füßen weg und hinterließ auch kein emotionales Schlachtfeld. Doch hatte sie sich in eine andere Falle locken lassen, die ganz andere Wunde in ihr hinterließ: sie war in eine finanzielle Abhängigkeit geraten.

Ihr Partner hatte es immer sehr genossen, der Großzügige und Spendable zu sein. Er hatte sich dadurch groß, stark und männlich gefühlt. Er hatte ihr viele Dinge bezahlt, die sie sich nicht gegönnt hätte, oder sie sich nicht hätte leistet können. Am Ende bat er sie auch, ihre Arbeit zu reduzieren, um mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Und sie tat es einfach. Natürlich hatte sie es auch sehr genossen, dass er all das tat. Es hatte in ihr ein Gefühl von Weiblichkeit wachgerufen, sich nicht um die finanziellen Dinge kümmern zu müssen und sich einfach sorgenlos fallen lassen zu können.

b9-6147244

Ein Teil in ihr fühlte sich leer, enttäuscht und betrogen. Ein anderer Teil schaffte es jedoch recht bald, reflektierend auf die Beziehung zu schauen. Wieder erkannte sie, dass sie auch diese Schräglage mit verursacht hatte, indem sie ihre finanzielle Verantwortung aus der Hand gegeben und in die Hände ihres Partners gelegt hatte. Ihr wurde bewusst, dass sie für ihr Bild von Weiblichkeit und für sein Bild von Männlichkeit ihre eigene finanzielle Unabhängigkeit geopfert hatte. Ihr wurde klar, dass es dieses Mal um genau diese Lektion ging: in Zukunft finanziell für sich selbst zu sorgen und sich von niemandem finanziell abhängig zu machen.

Schweren Herzens ließ sie auch diese Liebe los. Doch von irgendwoher spürte sie auch neue Zuversicht und neuen Mut, sich erneut dem Leben zu öffnen. Sie konzentrierte sich auf das Berufliche, denn es galt einen neuen finanziellen Boden zu schaffen. Sie fand große Freude und großes Interesse an traditionellem Wissen und alten Ritualen, die sie in unserer modernen Zeit vermisste und wollte sich in diesem Bereich beruflich etablieren.

Auf der Suche nach Ritualen begegnete sie zufälligerweise der Visionssuche. Sie hatte nicht das Gefühl, dass sie ein Problem hatte oder etwas in ihr nach Heilung suchte. Nein. Sie wollte einfach nur das Ritual erfahren und kennenlernen.

b10-1093046

In der Visionssuche kam sie ganz unerwartet zum ersten Mal auf eine Art und Weise mit sich und ihrem Unterbewusstsein in Berührung, die ihr keine Angst machte. Sie konnte zum ersten Mal ihrem Schmerz in die Augen schauen. Sie nahm die Ahnenlast auf ihren Schultern wahr, die sie zu erdrücken drohte. Sie spürte die tiefe Trauer über all das Ungelebte und Versäumte in ihrem Leben. Sie konnte sich die unterdrückte Wut eingestehen, die an die Oberfläche drückte.

Es hatte etwas unglaublich Befreiendes, nicht mehr vor all diesen Emotionen weglaufen zu müssen, sie zu verleugnen und wegzuschieben. Endlich durfte sie innerlich Halt machen. Und das tat so gut. Erst jetzt spürte sie wie erschöpft und wie müde sie eigentlich war. Und sie gestattete ihrem Körper die wohlverdiente Pause, um sich zu erholen und zu regenerieren.

Die Visionssuche kam der Begegnung mit der Weisheit des Waldes gleich, das sie schon seit ihrer Jugend immer wieder erfahren hatte. Es war eine Begegnung auf Seelenebene, in der eine klare, feine und doch sehr kraftvolle Kommunikation möglich wurde. Die Visionssuche veränderte ihr Leben, denn sie machte ihr klar, wie unsagbar viel Ballast auf ihren Schultern lastete und ihr ein glückliches Leben verwehrte.

Sie konnte nicht mehr wegschauen. Sie konnte nicht mehr weglaufen. Sie konnte sich die Dinge nicht mehr schön reden oder verharmlosen. Sie konnte sie auch nicht mehr unter den Teppich kehren oder in irgendeiner anderen Form ignorieren. Es ging alles einfach nicht mehr. Die Zeit war reif, die Dinge endlich anzugehen, um endlich ein glückliches Leben zu führen, denn das wollte sie immer noch – und inzwischen war sie Ende dreißig!

Mit dieser Entscheidung kam die Ahnenarbeit in ihr Leben. Es war die richtige Methode für sie, die ihr half, den emotionalen Altlasten bewusst zu begegnen. Schicht für Schicht wurden die emotionalen Schatten aus den Familien- und Ahnenreihen sichtbar und konnten Heilung finden.

b11-339620

Eine neue lebensbejahende Energie kam in Gang. Sie hatte lange Zeit in ihr geschlummert. Doch nun kam sie ins Fließen und zog auch im Außen Neues an:

Ihre Arbeit etablierte sich tatsächlich, so wie sie es sich gewünscht hatte und ihre große Liebe kam in ihr Leben, die von Anfang an auf gemeinsames Lernen, Wachsen und Entwickeln ausgerichtet war.

Und erst mit der Zeit wurde ihr so langsam bewusst, was in all den Jahren passiert war…

Das viele Lernen – auch das Lernen im spirituellen Bereich - war zu einer Strategie geworden, um sich besser, klüger, überlegener, wichtiger und anerkannter zu fühlen. Und gleichzeitig hatte diese Strategie eine Deckelfunktion – nämlich all jene unbequemen Emotionen zu überdecken, die sie sich selbst nicht eingestehen konnte und vor anderen verstecken wollte: ihre Unwissenheit, ihre Unsicherheit, ihre Orientierungslosigkeit, ihr Minderwert, ihre Leere, ihr Verloren-sein, ihre Haltlosigkeit, ihre Ängste…

b12-4778622

Das viele Lernen hatte sie mehr und mehr auf ihren Verstand reduziert und sie damit von ihrem Fühlen abgeschnitten – sowohl von ihren Gefühlen und Emotionen als auch von ihrer Körperwahrnehmung. Ihr Körper sollte ihren Vorstellungen entsprechen. Er sollte schön, fit und gesund sein - einfach funktionieren und sie nicht stören. Dass es einen Sinn haben sollte, auf die Gefühle und auf die Körperwahrnehmungen zu achten, war ihr fremd. Erst über die Jahre lernte sie ihre Körperweisheit zu schätzen. Sie lernte, die wertvollen Botschaften ihres Körpers zu verstehen, der ihr permanent mitteilte, was los war, was sie brauchte und was nicht.

Das viele Lernen hatte dazu geführt, dass sie ihrem Denken mehr Vertrauen geschenkte als ihren Gefühlen. Der Verstand wurde zu einer Kontrollinstanz, die darauf ausgerichtet war, alle Situationen und Begegnungen souverän und gelassen zu meistern. Das führte jedoch dazu, dass es in ihrem Kopf richtig ratterte. Er war permanent damit beschäftigt, Dinge einzuschätzen und einzuordnen. In ihrem Kopf wurde ständig auf- und abgewertet, beurteilt, verurteilt und abgelehnt oder doch für gutgeheißen. Es gab nur richtig und falsch, gut und böse, weiß und schwarz.
Ihr Kopf war ständig beschäftigt und kam nicht zur Ruhe!
Die Welt wurde als gefährlich eingestuft, und sie war in einer ständigen Habacht-Haltung dem Leben gegenüber. Das Leben wurde auf (Sicherheits-) Abstand gehalten. Ein Ankommen war nicht möglich. An Entspannung war nicht zu denken.

Einzig in der Natur schien keine Gefahr zu lauern. Ihr konnte sie vertrauen. Die Natur nahm sie so wie sie war. Hier konnte sie sich fallen lassen und die Kraft, die Ruhe, den Duft, die Farben, die Landschaften genießen und auftanken. Hier konnte sie loslassen und für kurze Zeit Frieden finden.

b13-33582

Es dauerte einige Jahre, bis sie sich mit diesen unliebsamen Emotionen anfreunden konnte. Je mehr sie sie jedoch annahm, desto mehr verwandelten sie sich zu neuen kraftvollen Qualitäten, die sie nicht von sich kannte. Ihr ursprüngliches Selbstbild veränderte sich bis es irgendwann einem neuen Selbstbild Platz machte. Dieses entstand ganz von alleine aus ihr heraus – allein durch das Auflösen der Schatten. Es war, als ob diese Schatten kraftvolle Qualitäten unter Verschluss hielten, die schon immer tief in ihr verborgen geschlummert hatten. Nun konnten diese Qualitäten endlich an die Oberfläche treten und sichtbar werden.

All die Seiten, die sie an sich so sehr geschätzt, für die sie so hart gekämpft hatte und die so existenziell gewesen waren, hatten ihren Wert und ihre Bedeutung verloren. Die ursprüngliche Persönlichkeit löste sich unaufhaltsam auf. Von der alten Persönlichkeit her betrachtet war es ein sehr schmerzvoller Prozess, denn es fühlte sich an wie Sterben. Die Persönlichkeit, der sie ihr bisheriges Sein, ihre Identifikation und ihren bisherigen Erfolg zu verdanken hatte, war weg und existierte nicht mehr.

Für eine gewisse Zeit gab es keinen Ersatz: das Alte war nicht mehr greifbar, und das Neue hatte sich noch nicht entwickelt und manifestiert. Sie fühlte sich einerseits unsicher und hatte das Gefühl, in der Luft zu hängen. Andererseits gab es eine Stimme in ihr, die wusste, dass alles gut war. Sie spürte, dass es darum ging, dem alten Impuls zu widerstehen - nämlich in Aktionismus zu verfallen, die Situation retten zu wollen, sie zu kontrollieren oder in irgendein pseudo-sicheres, alt bekanntes Gefilde zu lenken. Sie spürte ganz deutlich, dass es nur noch darum ging, sich diesem Prozess hinzugeben. Im Vertrauen, dass der Prozess gut war und ihr zu einem neuen gesünderen Boden und einer freiere Persönlichkeit verhelfen würde, ließ sie von ihren Vorstellungen los, öffnete sich dem Unbekannten und gab sich dem Leben hin.

Erst jetzt erlebte sie diesen Auflösungsprozess als etwas Sanftes, Stilles und gleichzeitig als etwas sehr Großartiges. Eine Weite in ihr öffnete sich, die sie an das Schweben durch´s Weltall erinnern ließ wie sie es mal in einem Traum erfahren hatte. Ein Teil in ihr löste sich von ihr ab und war plötzlich mit dem Universum verbunden. Überall herrschte grenzenloser Frieden und unendliche Stille. Sie war mit allem verbunden: mit sich selbst auf eine ganz durchlässige Art und Weise, mit anderen Menschen, mit der Natur. Es fühlte sich frei, leicht und lichtvoll an.

Irgendwie war der Prozess ganz ähnlich der Metamorphose, der Transformation einer Raupe zum Schmetterling. Im Schutz des Kokons löst sich die Raupe komplett auf und wird zu etwas komplett Neuem, was überhaupt nichts mehr mit der Raupe zu tun hat. Es ist ein Transformationsprozess, der nicht beschleunigt oder abgekürzt werden kann. Und es ist ein Prozess, zu dem es unbedingt die Raupe braucht. Denn nur aus der Raupe entsteht der wunderschöne Schmetterling.

b14-6007778

Interessanterweise hatte sie erst kürzlich genau diese Transformationserfahrung mit dem Teil ihrer Persönlichkeit erfahren, der mit dem Verstehen- und Klugsein-wollen zu tun hatte. Dieses grundlegende Muster ihrer Kindheit hatte ihr ihr ganzes Leben lang die Existenzberechtigung ihrer Mutter beschert. Gleichzeitig hatte es ihr aber auch sehr viel Ärger, Neid und Konkurrenzdenken unter ihren Schwestern und in manch anderen Freundschaften und Beziehungen bereitet.

Mit dem Auflösen dieser „schlauen Schicht“ bekam sie ihre ursprüngliche Existenzberechtigung zurück, die unabhängig war von Wissen und vom Schlau-sein. Interessanterweise verschwand auch so mancher Ärger aus ihrem Leben, der aus dem Neid und dem Konkurrenzdenken resultierte.

Kürzlich erzählte sie mir, dass auch ein altes Lebensgefühl aus ihrer Kindheit zurückkehrte. Sie beschrieb sich als zeitlos, langsam, verspielt, entspannt, weich, offen, neugierig, verbunden, ein weiter, toleranter Blick auf die Dinge, planlos, spontan, liebevoll mit sich selbst, mit allen Sinnen aufnehmend, lernend und wahrnehmend... Ein Lebensgefühl, in dem alles sein darf wie es ist, im dem nichts bleiben muss wie es ist… in dem alles offen, flexibel und möglich ist… alles….!!!

Sie meinte, sie hätte sich zuletzt so gefühlt, als sie vier war!

Und sie meinte, sie fühle sich nicht nur ein gutes Stück mehr bei sich angekommen, sondern auch in ihrer Partnerschaft, in ihren Freundschaften und in ihrem Leben…!

b15-4453155

Ich frage mich, wie unsere Welt wohl aussehen würde, wenn wir alle unsere unliebsamen Emotionen annehmen und heilen würden? Wie würden wir leben, wenn all die Qualitäten zum Vorschein kämen, die unter unseren Mustern und Strategien schlummern? Welche erlöste Persönlichkeit würde da herausschlüpfen wie ein Schmetterling aus seinem Kokon? Welche neue Welt würde aus uns heraus entstehen wollen?

Irgendetwas in mir erschaudert bei dem Gedanken und sagt: „Es würden viele GROSSARTIGE neue Menschen aus sich selbst geboren werden, die eine wundervolle, GROSSARTIGE neue Welt erschaffen würden…!“

b16-1000445

Spürst Du das auch?

1 / 1